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For the kind permission to reproduce the following article
I am indebted to the author, Dr. Reinhold Wandel, Berlin.
"I really wonder how they know that
it is wrong!" - Zum Problem des hyperaktiven Rotstifts
bei der Korrektur von Klassenarbeiten und Klausuren
Bei einer Lehrerfortbildung im baden-württembergischen
Donaueschingen legt der muttersprachliche Dozent den versammelten
Kolleginnen und Kollegen eine Oberstufenklausur vor - mit
der Bitte um Korrektur der sprachlichen Richtigkeit. Die
Rotstifte werden gezückt und schwirren über das Papier der
Schülerarbeit. Bei der gemeinsamen Auswertung pendelt die
angestrichene Fehlerzahl zwischen 8 und 24. "No",
sagt der 'native speaker', "no mistake at all;
it's perfect English."
Dies mag übertrieben wirken, ist es aber nicht. Die deutsche
Englischlehrerschaft - zumindest ein Gutteil davon - scheint
von einem merkwürdigen Virus befallen zu sein: Fehler werden
akribisch aufgespürt, wo keine sind. Korrektes und idiomatisches
Englisch wird als Verstoß gegen sprachliche Richtigkeit
markiert und sanktioniert. Und auch Wendungen und Konstruktionen,
die vielleicht nicht immer elegant sein mögen, innerhalb
des muttersprachlichen Unterrichts in Großbritannien oder
den USA jedoch höchstens als 'stilistisch ungeschickt' interpretiert
würden, finden vor der normativen Hyperkorrektheit vieler
neuphilologischer Studienräte keine Gnade.
Die Englischlehrerin meines Sohnes legt in einer Klassenarbeit
für den sechsten Jahrgang eine Einsetzübung vor, in der
die Schüler die Differenz zwischen some und any
und deren Zusammensetzungen unterscheiden müssen. Also:
Put in some, something, somebody, any, anything, anybody.
Mein Sohn schreibt den Satz: I cannot see anyone
- statt: I cannot see anybody. Da jedoch anyone
anscheinend noch nicht gelernt war (und auch nicht als Einsetz-Variante
vorgegeben war), wird mit fettem Rot hier ein Fehler notiert.
Da wird in einer Klausur der Ausdruck In comparison
to Pinter's play... als Fehler markiert; es müsse IN
COMPARISON WITH heißen. Eine Schülerin schreibt in einem
Aufsatz zu Nordirland: The IRA must return their weapons...
Falsch! 'RETURN' gilt als Wortfehler. Und - raten
Sie bitte ! - was ist in folgendem Satz falsch? There
are several reasons why the main character of the story
keeps telling lies... In der Korrektur einer Abitur-Klausur
wurde 'KEEP' als falsches Wort rot angestrichen.
Ich frage mich wirklich: Was bringt uns Englischlehrer dazu,
völlig einwandfreies Englisch als falsch darzustellen? Ist
es unsere professionelle Spürhundnase, die gedrillt ist,
überall Fehler zu wittern? Ist es unsere Korrekturgrundhaltung,
die zunächst einmal dem Schüler unterstellt, daß er Fehler
machen muß? Sehen wir zu schnell und - vor allem - zu gern
rot? Ist es mangelnde eigene Sprachkompetenz? Oder ist es
jene permanente, zermürbende Konfrontation mit schlechtem
oder unidiomatischem Englisch, das uns dann schließlich
dazu bringt, daß wir selbst richtigen Sprachgebrauch verdammen?
Von einigen Kollegen weiß ich, daß sie in schriftlichen
Arbeiten konsequent noch den Gebrauch der kontrahierten
Formen isn't, can't, won't als Regelverstoß monieren
und bestrafen. Da wird - streng der consecutio temporum
folgend - das Plusquamperfekt nach der Konjunktion after
eingeklagt. Ein Satz wie - After he left home, he met
a friend - gilt somit als falsch, obwohl, wie mir mehrere
Linguisten versicherten, zumindest im amerikanischen Englisch
der Gebrauch des past tense heutzutage die 'üblichere'
Variante ist. Ausdrücke und Wendungen wie You better
stay at home oder between you and I oder a
well person, die etwa in der grundlegenden deskriptiven
Comprehensive Grammar of the English Language
schon seit zwei Jahrzehnten als akzeptabel eingestuft werden,
gelten im deutschen EFL-Klassenzimmer als Frevel und Mißbrauch.
Dabei ist es wahrlich keine pädagogische Tugend, an Antiquiertem
festzuhalten und den deutschen Englischunterricht zum normativen
Hort eines überkommenen Sprachgebrauchs zu machen. Wir sollten
neugierig und begierig sein, neue Entwicklungen in der Fremdsprache
aufzugreifen und sie in unser eigenes Sprachverhalten aufzunehmen.
(Eine gelungene und anregende Übertragung dieses deskriptiven
Grammatikdenkens auf den Schulbedarf leisten die von der
Berliner Senatsverwaltung für Schule schon 1991 herausgegebenen
"Empfehlungen zu Korrektur und Bewertung der sprachlichen
Richtigkeit von Abiturarbeiten im Fach Englisch".)
Der Sprachgebrauch verändert sich, Korrektheitsfragen unterliegen
einem Wandel; doch viele deutsche Englischlehrerinnen und
-lehrer scheinen dies nicht wahrhaben zu wollen. Professor
Quirk und seine Kollegen, die für die erwähnte Grammatik
verantwortlich zeichnen, haben den Begriff der "divided
usage" eingeführt. Darunter versteht man "new competing
forms", die gleichwohl von "educated native speakers"
akzeptiert werden. Und es ist an der Zeit, daß auch im deutschen
EFL-Klassenzimmer diese "divided usage" wahr- und
angenommen wird. Korrektheit ist eben keine immerwährende,
ewig gültige Norm, sondern konstituiert sich aus dem "what
the majority of educated native speakers accept as correct
in a given situation at a given point in time".
Da ich früher an einem privaten (kirchlichen) Gymnasium
unterrichtete, war ich bei jedem Abiturjahrgang mit einem
externen Zweitkorrektor konfrontiert, und jedesmal begann
bei der Diskussion der Klausuren ein Hauen und Stechen und
Feilschen. Dabei ging es kaum um Probleme des Inhalts und
Stils; selten wurden auf diesen Ebenen Einwände gegen meine
Notenvorschläge vorgebracht. Knallhart hingegen wurden übersehene
oder angeblich nicht geahndete Verstöße gegen die grammatische
Richtigkeit gerügt. Nun ist es sicher so, daß wir bei einer
Korrektur fast immer ein paar eindeutige Fehler ( z.B. spelling)
übersehen. Hauptsächlich aber richtete sich die Kritik der
Zweitkorrektoren gegen Konstruktionen und Wendungen, die
ich als akzeptabel oder verbesserungswürdig ( "better")
kennzeichnete, jedoch nicht als FALSCH einstufte.
Hier ein paar Beispiele, die als "fehlerwürdig" angesehen
wurden:
-
In the beginning ... (statt 'at';
doch "in the beginning" liest man inzwischen allenthalben..)
-
uniform in the school colours
PREP
-
It could be sometimes rather boring
... WO
-
Krebs tried to live a normal life again
as he did before the war. CON
-
There are some exceptions such as
the analysis beginning in line 21 for example. WO
'for example'
-
He tells him that he has been injured
in the war and a lot of other lies. CON
(Normatives Denken, wie es bei diesem Korrekturverhalten
deutlich wird, läßt nur eine beschränkte Anzahl sprachlicher
Varianten und Ausdruckmöglichkeiten zu; alles andere ist
zunächst einmal suspekt. Und alles, was irgendwie nach 'Germanismus'
riecht, gilt per se als falsch.)
In den vielen Jahren dieser Auseinandersetzungen habe ich
nicht einen einzigen Zweitkorrektor erlebt, der mich darauf
aufmerksam gemacht hätte, daß ich einige von mir angestrichene
- angeblich fehlerhafte - Wendungen oder Ausdrücke doch
unbeanstandet lassen könnte. Niemals wurde ich darauf hingewiesen,
in diesem oder jenem Fall doch eine größere Fehlertoleranz
walten zu lassen.
Wer also mehr Fehler findet und festhält, gilt als der
bessere, strengere, kompetentere Korrektor. Dabei könnte
sich doch dieses Konkurrenzverhältnis leicht ins positive
Gegenteil verkehren lassen. Bei der Wetteiferei sollte es
nicht darum gehen, möglichst viele Fehler anzustreichen.
Nein, als kompetenter und souveräner müßte derjenige Korrektor
gelten, der über eine möglichst große Vielfältigkeit und
Bandbreite an sprachlichen Varianten verfügt und diese auch
anerkennt.
Wenn ich mir jedoch die lange Liste der Zweitkorrektoren
vor Augen führe, dann erscheint mir der neuphilologische
Studienrat (und sein weibliches Pendant) in seinem Korrekturverhalten
als eine wenig tolerante, an einer normativen Grammatik
ausgerichtete, relativ unflexible Persönlichkeit, deren
Sinn und Trachten sich danach richtet, in den Klausuren
und Klassenarbeiten ihrer Schüler möglichst viele Fehler
aufzuspüren und zu ahnden.
Da werden - "hyperaktiv" - eindeutige Verstöße gegen die
Orthographie (z.B. moths statt months) zur Lexik
gerechnet und, statt mit einem halben, nun mit einem GANZEN
Fehler bestraft. Da schreibt 'in der Hitze der Klausur'
eine Schülerin 49 mal das Wörtchen WAS richtig, und wenn
sie einmal das 'a' ein bißchen undeutlich läßt, ....schon
ist das ein Spelling-Fehler. In dubio pro reo
darf zwar als grundlegendes Prinzip im Gerichtshof gelten;
bei der Korrektur von Klausuren und Klassenarbeiten findet
es keine Anwendung.
Immer wieder erfahre ich auch, daß Kollegen bei der Rückgabe
von Klassenarbeiten oder Klausuren Diskussionen über lexikalische
oder grammmatische Fehler mit der Klasse ablehnen. Schüler,
die Begründungen für einen beanstandeten Verstoß gegen die
sprachliche Norm verlangen, werden abgewiesen; für solche
Detailfragen sei keine Zeit. Dabei wäre gerade hier eine
Möglichkeit, die jungen Menschen zu motivieren, ein lexikalisches
oder grammmatisches Nachschlagewerk zu nutzen, um ihre Argumentation
zu stützen oder zu belegen. Wo könnte man besser und "wirklichkeitsnäher"
den Gebrauch von Lexika und Grammatiken lernen als in dieser
konkreten Situation? SchülerInnen sollten ermutigt werden,
nachzufragen und Begründungen zu verlangen. Das "Wegstreichen"
von Fehlern und, daraus abgeleitet, eine mögliche Verbesserung
des Fehlerquotienten und der Note für die sprachliche Richtigkeit
sind kein Zeichen von Unvermögen und Unsicherheit, sondern
Ausdruck von Souveränität und Ernstnehmen der Schülerpersönlichkeit.
Für mich ist es äußerst aufschlußreich mitzuerleben, wie
unsere muttersprachlichen Lektorinnen an der Universität
Magdeburg die Klausuren der Studierenden korrigieren und
bewerten. Da werden selbstverständlich Verstöße gegen sprachliche
Normen angestrichen. Da werden natürlich Fehler und Ungereimtheiten
im morphologischen und syntaktischen Bereich beanstandet.
Aber es geht hauptsächlich darum, ob der Verfasser das,
was er ausdrücken will, auch ausdrücken kann; es geht um
Verständlichkeit. Stilistische Unebenheiten, "verquere"
Wendungen werden zur Kenntnis genommen; doch "Sanktionen"
erfolgen zumeist (erst) dann, wenn die Intentionen des Verfassers
nicht versprachlicht werden können. Verwirklichung von Sprechabsichten
und Inhaltlichkeit spielen also hier bei der Bewertung von
Textproduktionen eine wesentlich wichtigere Rolle als bei
uns deutschen Korrektoren, von denen manche getrost nach
dem Motto verfahren und bewerten: You may write whatever
you like - as long as you write it correctly. Was jedoch
den Bereich der sprachlichen Richtigkeit betrifft, wirkt
diese "muttersprachliche" Korrektur toleranter, als dies
im Fach Englisch am Gymnasium der Fall ist.
Als ich unserer amerikanischen Lektorin ein paar von deutschen
Englischlehrern korrigierte Oberstufenklausuren vorlegte,
stellte sie fest, daß da eine ganze Reihe von Ausdrücken
und Konstruktionen als Fehler angestrichen sei, die sie
nie beanstanden würde. Seufzend meinte sie: I really
wonder how they know that it is wrong.
(Und in Stephen Speights bewährten Kolumnen "Would
you have marked it wrong?" , die jetzt auch unter
dem Titel Right or Wrong als Buch erschienen
sind, heißt es immer wieder: A correction is not necessary.
Oder: I wouldn't regard the student's expression as beyond
the bounds of acceptability.)
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